BIOGRAPHIE H. BOSSEL (Langfassung)

Hartmut Bossel
Prof. i.R. Dr. Dipl.-Ing.
Systemwissenschaftler
Am Galgenköppel 6 B
D 34289 Zierenberg
Tel: +49.5606.8241, Fax: +49.5606.534279
E-mail: H.Bossel@t-online.de, www.hartmutbossel.homepage.t-online.de
 

LEBENSLAUF

Hartmut Bossel wurde am 3. März 1935 als Sohn eines Forstbeamten und einer Volkswirtschaftlerin in Braunschweig geboren. Er wächst in Nordhessen auf.

1951-1952 ist er als Austauschschüler in USA und arbeitet auf einer Farm in Pennsylvania. Er macht 1955 in Korbach Abitur.

1955-1961 studiert er Maschinenbau mit der Fachrichtung Flugzeugbau an der Technischen Hochschule Darmstadt und schließt als Diplom-Ingenieur ab. In dieser Zeit arbeitet er auch insgesamt ein Jahr als Praktikant im Lokomotivbau, Flugzeugbau und einem Wasserkraftwerk in Deutschland, Frankreich und Jugoslawien. Er ist aktives Mitglied und Fluglehrer bei der Akademischen Fliegergruppe (Akaflieg) Darmstadt und arbeitet dort in der Flugzeugkonstruktion und bei der Entwicklung von Kunststoff-Bauweisen.

1961 wandert er mit seiner Frau Rike Gerlind Bossel nach USA aus und arbeitet bei der Northrop Corporation in Los Angeles von 1962-1963 als Ingenieur in einer aerodynamischen Versuchsabteilung an der Entwicklung widerstandsarmer Tragflügel.

1963-1967 studiert er in der Aeronautical Sciences Division des Mechanical Engineering Department der University of California in Berkeley und arbeitet dort gleichzeitig als Forschungsassistent an einem Überschall-Windkanal.

1967 promoviert er an der UC Berkeley zum Ph.D. in Engineering (in den Fachgebieten Strömungsdynamik, Angewandte Mathematik und Systemtheorie) mit einer strömungstheoretischen Untersuchung und Computersimulation zum Phänomen des Wirbelaufplatzens.

1967-1969 ist er Assistant Professor, dann von 1969-1972 Associate Professor (mit Tenure) im Mechanical Engineering Department der University of California in Santa Barbara (UCSB). Er wird u.a. Vorsitzender des Educational Policy Committee der UCSB und Mitglied weiterer Planungsausschüsse der Universität.

Von 1967-1972 lehrt er an der UCSB u.a. Maschinenentwurf, Statik und Dynamik, Regel- und Systemtheorie, Aerodynamik, Flugdynamik sowie Computersimulation in der Strömungsforschung und führt u.a. Forschungsprojekte zur Computersimulation von Strömungen und zur Strömungsmessung mit Laser-Anemometern für NASA und US Navy durch. Im Rahmen eines neuen Lehrangebots in Environmental Engineering übernimmt er den Bereich Müllverwertung.

1971 ist Bossel sechs Monate als Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Strömungsforschung in Göttingen (Entwicklung von Laser-Anemometern zur Strömungsmessung) und am Institut für Hydrodynamik der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Akademgorodok bei Novosibirsk (Computersimulation von Wirbelströmungen).

1972-1977 übernimmt Bossel eine Stelle als Projektleiter für Systemforschung im neugegründeten Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) der Fraunhofer-Gesellschaft in Karlsruhe. Die Familie zieht mit ihren drei Kindern zurück nach Deutschland.

1973-1974 ist er Mitarbeiter am zweiten Weltmodellprojekt des Club of Rome (Mesarovic-Pestel Weltmodell) und entwickelt am ISI in Karlsruhe und am Systems Research Center der Case Western Reserve University in Cleveland (Ohio) Computerprogramme zur Simulation der Energieversorgungsstruktur und ihrer zukünftigen Entwicklung, mit Anwendungen u.a. auf USA, Westeuropa und die BR Deutschland.

1974-1977 leitet er ein Forschungsprojekt der Volkswagenstiftung zur "Simulation des Normenstratums und des Normenwandels", um Computerinstrumente für die Planungs- und Entscheidungshilfe zu entwickeln und die Dynamik des Wertewandels zu untersuchen. Er entwickelt die 'Orientierungstheorie' und wendet sie auf die Untersuchung von Zukunftspfaden an.

1978-1979 wird er wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Systemforschung und Prognose (ISP; 'Pestel-Institut') in Hannover und versieht dort auch Projektleiter-Aufgaben bis etwa 1985.

1978-1982 leitet er ein Forschungsprojekt der Volkswagenstiftung über 'Verhaltensbestimmende kognitive Elemente im nichtnumerischen Modell', um mit Methoden der rechnergestützten Wissensverarbeitung und der Orientierungstheorie bewußte Entscheidungsvorgänge darzustellen.

1979 übernimmt er die neugeschaffene Professur für 'Umweltschutz' (später umbenannt in 'Umweltsystemanalyse') an der Gesamthochschule Kassel und wird Mitglied des Fachbereichs Mathematik. Er baut dort u.a. die Lehrveranstaltungen 'Umweltlehre' und 'Modellbildung und Simulation' für Ingenieure und Naturwissenschaftler sowie die 'Forschungsgruppe Umweltsystemanalyse' auf, aus der sich später das Wissenschaftliche Zentrum für Umweltsystemforschung entwickelt.

1981-1997 leitet Bossel mehrere große u.a. vom Bundesforschungsministerium finanzierte Forschungsprojekte zur mathematischen Modellbildung und Computersimulation von Waldökosystemen.

1983 arbeitet er als Gastprofessor am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire im von Dennis und Donella Meadows geleiteten Resource Policy Center und entwickelt dort Computermodelle der Pflanzenproduktion.

In den Jahren 1985-1989 leitet Bossel für die Enquete-Kommission 'Technikfolgenabschätzung' des Deutschen Bundestags zwei Systemstudien zur Zukunft der deutschen Landwirtschaft.

1986 führt Bossel zusammen mit dem Forstwissenschaftler Eberhard Bruenig im Auftrag der Deutschen Stiftung für Entwicklungshilfe (DSE) einen mehrwöchigen Lehrgang für chinesische Wissenschaftler zu systemanalytischen Methoden bei der Nutzung natürlicher Ressourcen am Institut für Botanik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Guangzhou durch.

1987 arbeitet er mehrere Monate in China, entwickelt (mit H. Schäfer) ein Computermodell der Waldwachstumsdynamik von Reinbeständen (TREEDYN) und führt einen Lehrgang zur Ressourcen-Systemanalyse an der Forstakademie in Beijing durch.

1989 führt Bossel, wieder mit E. Bruenig und für die DSE, einen mehrwöchigen Lehrgang zur Ressourcen-Systemanalyse am Asian Institut for Forest Management (AIFM) in Kuala Lumpur für Forstplaner aus den ASEAN-Staaten durch.

1990 entwickelt er (mit H. Krieger) am Forest Research Institute Malaysia (FRIM) in Kuala Lumpur ein Computer-Simulationsmodell des Wachstums und der Regeneration natürlicher Regenwälder (FORMIX), das inzwischen in mehreren Ländern und Varianten angewendet und weiterentwickelt worden ist. In den Jahren 1990 bis 1993 arbeitet Bossel mehrfach für längere Zeit im Rahmen des FORMIX-Projekts für die GTZ und malaysische Forstbehörden in Kuala Lumpur und Sandakan (Borneo).

1990-1991 ist Bossel Gastwissenschaftler am East-West-Center an der University of Hawaii in Honolulu und entwickelt dort die Simulationssoftware SIMPAS und mehrere Simulationsmodelle, u.a. für die Entwicklung des Individualverkehrs in Südkorea.

1993 wird Bossel geschäftsführender Direktor des neugegründeten Wissenschaftlichen Zentrums für Umweltsystemforschung der Universität Gesamthochschule Kassel. Der Kern des Zentrums besteht aus der bisher schon von ihm geleiteten Forschungsgruppe Umweltsystemanalyse mit etwa 30 Mitarbeitern.

1995-1996 ist er als Gastprofessor am Chemical Engineering Department der University of Canterbury in Christchurch, Neuseeland und arbeitet dort an einer Untersuchung zu nachhaltigen Entwicklungspfaden.

Seit 1997 ist Bossel im Ruhestand. Für das International Institute for Sustainable Development in Winnipeg und die Balaton Group erstellt er 1999 einen Leitfaden für die Entwicklung von Indikatoren nachhaltiger Entwicklung. 2001 wird er zum Stadtverordneten der Stadt Zierenberg gewählt und wird Mitglied des Magistrats.
 

PERSÖNLICHES

Hartmut Bossel ist seit 1961 mit der Mathematikerin Rike Gerlind Rückert verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder und wohnen im nordhessischen Zierenberg in einem umweltfreundlichen Haus mit solarer Energieversorgung. Bossel ist seit 1953 aktiver Segelflieger (bis 1999), seit 1973 Drachenflieger, seit 1998 auch Gleitschirmflieger. Das motorlose Fliegen und frühe Wurzeln in der Land- und Forstwirtschaft haben ihn den respektvollen, effizienten und nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen gelehrt.
 

ARBEITSSCHWERPUNKTE

Von 1955-1972 liegen Bossels Arbeitsschwerpunkte im Flugzeugbau und der theoretischen und experimentellen Strömungsforschung. Seit 1961 entwickelt er Computersimulationen in diesem Bereich; seit 1968 auch Laser-Messgeräte.

Angeregt durch die Arbeiten von Prof. Jay Forrester am MIT zur Systemdynamik gesellschaftlicher Systeme beginnt er 1972 mit eigenen Computersimulationen in diesem Bereich, entwickelt als Mitarbeiter im 2. Weltmodellprojekt des Club of Rome ein Computerprogramm zur Untersuchung nationaler Energieversorgungssysteme, führt 1974 den Begriff 'Energiedienstleistung' (bzw. 'energy service') in die wissenschaftliche Diskussion ein, kritisiert öffentlich die völlig überzogenen Energiebedarfsprognosen und weist auf die Bedeutung rationeller Energienutzung und erneuerbarer Energieträger hin (Buch: "Energiewende" 1980).

Aus den Weltmodell-Untersuchungen ergibt sich die Fragestellung, inwieweit Wertwandel in der Gesellschaft zu sparsamerem Ressourcenverbrauch und Nachhaltigkeit führen könnte. Systemtheoretische Betrachtungen führen Bossel zur Entwicklung der 'Orientierungstheorie': Selbstorganisierende Systeme müssen sich gleichzeitig an mehreren Leitwerten orientieren, um in ihrer Systemumwelt bestehen zu können (Existenz, Wirksamkeit, Handlungsfreiheit, Sicherheit, Wandlungsfähigkeit, Beachtung anderer Systeme). Er wendet diese Erkenntnisse in mehreren Forschungsprojekten und Büchern an, um realistische Grenzen und Möglichkeiten von Zukunftsentwicklungen zu ermitteln, z.T. auch mit Hilfe computergestützter Wissensverarbeitung (Bücher u.a.: "Concepts and Tools of Computer-assisted Policy Analysis" 1977, "Bürgerinitiativen entwerfen die Zukunft" 1978, "Umweltwissen" 1994, "Globale Wende" 1998, "Indicators for Sustainable Development" 1999).

Bossel wendet die Methoden der mathematischen Modellbildung und Computersimulation dynamischer Systeme auch auf das Pflanzenwachstum an und entwickelt Computermodelle für Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Waldsterben und Tropenwald mit realitätsnaher Beschreibung der pflanzen-physiologischen Prozesse.

Er bemüht sich früh darum, die Methoden und Erkenntnisse der Modellbildung und Simulation dynamischer Systeme mit ihrer breiten Anwendbarkeit in fast allen Wissenschaftsbereichen auch auf Kleinrechnern zugänglich zu machen und entwickelt hierzu Computerprogramme, zahlreiche Simulationsmodelle und einen 'Systemzoo', dessen 'Tiere' die unterschiedlichen Reaktionsweisen dynamischer Systeme demonstrieren (Bücher: "Umweltdynamik" 1985, "Simulation dynamischer Systeme" 1987/1992, "Modellbildung und Simulation" 1994, "Systemsimulation" 2004, "Systemzoo" 2004).

Eine autobiografische Erzählung erscheint 2004 ("Über den Bergen ist der Krieg so fern").  
 

MITGLIEDSCHAFTEN

1974-1980 Mitglied, Nationaler Leitungsausschuß für die Angelegenheiten des International Institute of Applied Systems Analysis (IIASA) in Wien.

1974-1987 Mitglied, UNESCO-Arbeitsgruppe "Global Modeling"

1975-1987 Mitglied, UNESCO-Arbeitsgruppe "Research and Human Needs"

1975-1985 Mitglied im Beirat des Umwelt-Sachverständigen der Evangelischen Kirchen Deutschlands (EKD)

1977-1980 Mitglied des Vorstands des Öko-Instituts, seither im wissenschaftlichen Beirat

1979-1990 Kurator, Stiftung Mittlere Technologie, Kaiserslautern

Seit 1981 Mitglied der von Dennis und Donella Meadows gegründeten und auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit arbeitenden 'Balaton-Gruppe', zeitweise Mitglied des Steering Committee

1988-1997 Mitglied, Editorial Advisory Board für die Zeitschrift 'Ecological Modeling' (Elsevier)

1973-heute Gutachter, Beirat und Sachverständiger für verschiedene externe Forschungsprojekte
 

VERÖFFENTLICHUNGEN (nur wichtigste Bücher)

H. Bossel: Systeme, Dynamik, Simulation – Modellbildung, Analyse und Simulation komplexer Systeme. Books on Demand, Norderstedt/Germany, 2004 (ISBN 3-8334-0984-3).

H. Bossel: Systemzoo 1 - Elementarsysteme, Technik und Physik.  Books on Demand, Norderstedt/Germany, 2004 (ISBN 3-8334-1239-9).

H. Bossel: Systemzoo 2 - Klima, Ökosysteme und Ressourcen.  Books on Demand, Norderstedt/Germany, 2004 (ISBN 3-8334-1240-2).


H. Bossel: Systemzoo 3 - Wirtschaft, Gesellschaft und Entwicklung.  Books on Demand, Norderstedt/Germany, 2004 (ISBN 3-8334-1241-0).

 

H. Bossel: Über den Bergen ist der Krieg so fern. Books on Demand, Norderstedt/Germany, 2004 (ISBN 3-8334-0699-2)

H. Bossel: Indicators for Sustainable Development – Theory, Method, Applications. IISD International Institute for Sustainable Development, Winnipeg 1999.

H. Bossel: Globale Wende – Wege zu einem gesellschaftlichen und ökologischen Strukturwandel. Droemer Knaur, München 1998. (Buchpreis 2001 der Deutschen Umweltstiftung) (Englisches Original: Earth at a Crossroads – Paths to a Sustainable Future, Cambridge University Press, Cambridge 1998.)

H. Bossel: Modellbildung und Simulation. 2. Aufl., Vieweg, Braunschweig 1994 (Englisch: Modeling and Simulation, A K Peters, Wellesley, Mass. und Vieweg, Braunschweig 1994.)

H. Bossel: Simulation dynamischer Systeme – Grundwissen, Methoden, Programme. 2. Aufl., Vieweg, Braunschweig 1992, 1994.

H. Bossel: Umweltwissen – Daten, Fakten, Zusammenhänge. 2. Aufl., Springer, Berlin / Heidelberg / New York 1994.

H. P. Nowak, H. Bossel: Weltsimulation und Umweltwissen, Multimediales Lernprogramm. Vieweg, Braunschweig 1994.

H. Bossel: Umweltdynamik – 30 Programme für kybernetische Umwelterfahrungen auf jedem BASIC-Rechner. TeWi Verlag, München 1985.

F. Krause, H. Bossel, K. F. Müller-Reißmann: Energiewende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran. S. Fischer, Frankfurt/M 1980.

H. Bossel: Bürgerinitiativen entwerfen die Zukunft – Neue Leitbilder, neue Werte, 30 Szenarien. Fischer Verlag, Frankfurt/M 1978.

H. Bossel (Hg.): Concepts and Tools of Computer-assisted Policy Analysis. Birkhäuser, Basel 1977 (3 Bände).
 

Stand September 2004